Neue Rückenschule und Yoga

Vor kurzem habe ich eine Hörsendung über die sogenannte „Neue Rückenschule“ gehört. Ich fand das sehr interessant – diese Sendung hat fast alles bestätigt, was Swami Vishnu-devananda früher über „Yoga für den Rücken“ gelehrt hat. Der Ausdruck „Neue Rückenschule“ sagt schon, dass es inzwischen entscheidend Neues gibt gegenüber der „Klassischen“ Rückenschule, inzwischen auch „Alte Rückenschule“ , hämisch auch „veraltete“,

„überholte“ Rückenschule genannt.

In den letzten 10-20 Jahren wurden sogenannte Rückenschulen massiv von Krankenkassen, vom Medizinsystem, in der betrieblichen Gesundheitsprävention, in der Rücken-Reha propagiert. In den Rückenschulen wurde gelehrt

  • „Rückengerechte“ Körperhaltung, insbesondere ständige Aufrechthaltung der Rückenlordose
  • Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Es muss der richtige Stuhl, die richtige Höhe des Bildschirms etc. gefunden werden
  • „Rückengerechtes Heben, insbesondere mit geradem Rücken, Heben aus den Knien statt aus dem Rücken
  • Vermeidung von Drehbewegung
  • Vermeidung von rundem Rücken
  • Die Vertreter der Rückenschulen haben manchmal bei den Yoga Übungen die Vorwärtsbeugen und die Drehungen kritisiert

Die „Alte Rückenschule“ hatte großen Einfluss darauf, wie Yoga in Deutschland gelehrt wird, in vielen Yogaschulen und Richtungen. Insbesondere wurde seit Mitte der 90er Jahre in immer mehr Yogaschulen darauf bestanden, dass der Rücken bei Vorwärtsbeugen absolut gerade sein muss, dass Drehungen bei Menschen mit Rückenproblemen verboten seien, und dass das Aufrichten mit Rundem Rücken schädlich sei.

Vor ein paar Jahren gab es ein paar empirische Studien. Diese haben gezeigt, dass die Teilnahme an einer Rückenschule das Auftreten von Rückenschmerzen NICHT reduziert hat. Die Studien haben gezeigt: Die „Klassische Rückenschule“ war/ist nicht zielführend für die Heilung/Vorbeugung von Rückenschmerzen.

So hat sich die „Neue Rückenschule“ entwickelt, evidenzbasiert, d.h. auf Studien beruhend. Die „Neue Rückenschule“ hat folgende Unterschiede zur „Alten Rückenschule“:

  • Es wird nicht mehr von „der“ korrekten Körperhaltung ausgegangen – vielmehr ist es am rückengerechtesten, die Körperhaltung zu wechseln. Mal nach vorne gebeugt, mal leicht im Hohlkreuz, mal geneigt und gedreht zu sein. Die beste Körperhaltung ist – die Bewegung
  • Eine für alle richtige Arbeitsplatzgestaltung „ergonomisch“ gibt es nicht. Auch hier gilt: Öfter mal Haltung wechseln ist am besten
  • Es gibt kein „rückengerechtes“ Heben und kein immer „falsches Heben“. Wer ständig seine Rückenmuskeln beim Heben schont, lässt seine Rückenmuskeln verkümmern. Manchmal ist es sogar gut, mit rundem Rücken zu heben – nur so kommt man an die kleinen Muskelfasern, die von Wirbel zu Wirbel verlaufen
  • Drehungen sind wichtig. Die Bandscheiben brauchen Drehung für ihre Gesundheit  – und Muskelfasern können beim Drehen gestärkt und gedehnt werden, an die man ansonsten nicht rankommt
  • Runder Rücken ab und zu, auch und gerade in der Lendenwirbelsäule ist essentiell. So werden die Muskeln gedehnt, und über Dehnen können die Muskeln sich entspannen. Und wenn man die Rückenmuskeln beim Vorbeugen stärkt, z.B. indem man mit rundem Rücken hochkommt, stärkt man die wichtigen kleinen Zwischenwirbelmuskeln (siehe oben)
  • Manchmal muss man die Schmerzsignale des Körpers beachten – manchmal muss man gegen die Schmerzsignale des Körpers üben
  • So sind im Yoga die Vorwärtsbeugen und Drehungen sehr zu loben, vom Standpunkt der „neuen Rückenschule aus“

Die neue Rückenschule ist auch „multi-modal“, d.h. bezieht sehr viele Faktoren mit ein. Bei Rückenschmerzen spielen Stress an Arbeitsplatz und in der Familie, andere psychische Faktoren, Sinnfindungsfragen und vieles andere eine Rolle. Man kann sagen die „neue Rückenschule“ nähert sich in der Ganzheitlichkeit in Richtung Yoga…

Was heißt das jetzt für das Yoga?

  • 08/15 Tipps für alle gibt es nicht – was für den einen richtig ist, kann für den anderen nicht richtig sein
  • Die Vorwärtsbeugen und Drehungen können als „rehabilitiert“ gelten. Ein Bestehen auf einem ganz geraden Rücken in den Vorwärtsbeugen ist für die meisten, einschließlich der meisten Rückenschmerzpatienten, falsch und kontraproduktiv
  • Für einen gesunden Rücken sollte in eine Yogastunde eine Vielzahl von Übungen ausgeführt werden. Stärkungsübungen und Dehnübungen sind dabei noch wichtiger als Entspannungsübungen (die allerdings auch wichtig sind)
  • Den Teilnehmer darin zu schulen, welche Schmerzen Signale sind eine Stellung anders zu machen, und welche Schmerzen Signale sind über sie hinauszuwachsen und gegen den Schmerz zu üben, ist ganz essentiell. Dazu muss ein Yogalehrer genau wissen, was er macht
  • Für Yoga Vidya gilt: Was wir bei Yoga Vidya bezüglich Rückenyoga seit Anfang der 90er Jahre lehren, kann als „hochaktuell“ gelten und entspricht dem neuesten Forschungsstand. Es war gut, dass wir uns nicht an die Forderungen von Anhängern der „Klassischen Rückenschule“ angepasst haben, und dass wir uns nicht von „Listen ungeeigneter Übungen“ nicht haben abschrecken lassen. Wir haben zwar vielleicht auch etwas zu sehr den Rücken in der Vorwärtsbeuge gerade halten lassen. Vielleicht haben wir auch zu häufig bei Rückenbeschwerden zu Vorsicht bei Drehungen geraten. Aber es war mehr „tendenziell“, nicht „grundsätzlich“. Und es bleibt besonders wichtig: Wenn ein Teilnehmer seine Selbstwahrnehmung verbessert, kommt seine gesunde Intuition, die tiefer geht als oberflächliches Schmerzempfinden
  • Es wäre hilfreich, wenn Yoga Ausbilder mal mit Experten der Neuen Rückenschule sprechen. Eventuell kann aus solchen Gesprächen doch die ein oder andere Empfehlung für den Yoga Unterricht erwachsen

Ich wünsche dir viel Inspiration beim Üben von Yoga.
Falls du Anmerkungen oder Fragen hast: Ich freue mich darüber.

9 Kommentare zu “Neue Rückenschule und Yoga

  1. Hallo Michaela, danke für deine Frage. Ja, mit Yoga ist es möglich, sich selbst in Einklang zu bringen. Das ist ja das Großartige am Yoga: Du arbeitest auf den verschiedenen Ebenen parallel:
    – Du tust etwas richtige Gutes für deinen Körper: Entspannung, Dehnung, Kräftigung, Bewegung
    – Du aktivierst deine Energien – lässt das Prana (die Lebensenergie) gut fließen
    – Du löst emotionale Spannungen
    – Du bringst deinen Geist zur Ruhe und aktivierst die inneren Kräfte.
    Falls du Yoga noch nicht so gut kennst, dann mache doch mal einen Anfängerkurs. Falls du Yoga kennst, sprich doch mal mit deiner Yogalehrer/in. Oder komme mal hierher nach Bad Meinberg zu einer Yogatherapie Kur oder einer Yogaferienwoche

  2. Hallo, ich habe mal eine spezielle Frage über Yoga. Hab schon längere Zeit ein paar körperliche Probleme, die ich gerne wieder in den Griff kriegen würde. Jetzt sagen viele, dies sei lediglich meine Einstellung im Kopf… versteh ich nicht aber wird so prognostiziert. Jetzt habe ich einen Artikel gelesen, indem es um den Einklang von Seele und Körper ging. Ist es nicht auch durch Yoga möglich sich selbst in einen Einklang zu kriegen? Würde mich über eine Antwort freuen. Danke, Michaela.

  3. Hallo!
    Das Wesentliche ist im Artikel gesagt. Als kleine Ergänzung möchte ich aber noch schreiben, dass die Drehbewegung mit Belastung eine der schädlichsten, wenn nicht die schädlichste Bewegung für den Rücken ist. Im Yoga ist sie mir in dieser Form noch nicht begegnet, im Alltag dafür ein Klassiker… Der Einkaufswagen wird irgendwie zum Auto gestellt und dann wird die Wasserkiste (oder der Wochenendeinkauf oder…) mit einer drehenden, vielleicht auch noch schwungvollen Bewegung in den Kofferraum gewuchtet. Diewirbelsäule ist dazu gemacht, um sich zu drehen, aber nicht mit 15kg und mehr (bei kleinen zarten Frauen auch weniger) Gewicht in den Armen.

    LG Karuna

  4. Ich halte auch sehr viel davon die gesamte Muskulatur zu kräftigen…

    Daher hat Sukadev die Hanuman Fitness-Reihe entwickelt, wo die gesamte Muskulatur aus dem Sonnengebet/gruß gekräftigt wird. Begonnen wird mit Pulsgesteuerten Sonnengebet, anschließend Sonnegebet zur Stärkung der Muskelgruppen, dann wird gedehnt, und auf geladen und gespeichert mit Energie durch längeres halten der wichtigsten Asana, zum Schluß Tiefenentspannung und Pranayama.

    https://blog.yoga-vidya.de/?s=hanuman+fitness+reihe&submit=Los

    https://www.yoga-vidya.de/de/asana/totalfitness.html

    https://www.yoga-vidya.de/PDF/yogajournal/HanumanYogaFuerFitness.pdf

  5. zum Thema „Neue Rückenschule“ habe ich noch folgende Erfahrung:
    Ich habe Rückenschule in der Kur lernen müssen wegen meiner Rückenarthrose und Bandscheibenquetschung auf der einen Seite.
    Also habe ich über Jahre Lasten nur über die Knie gehoben.

    Jetzt habe ich eine Kniearthrose. Nach neuen Erkenntnissen ist das auch logisch, da die Kniee für diese Belastung nicht ausgelegt sind.
    Nun geht die Umgewöhnung dahin, die Lasten (man kann nicht immer nur den Ehemann bitten, Eimer und Gießkannen zu tragen, sonst bekommt dann der die Probleme)
    jetzt also mit angespannter Bauchmuskulatur unterstützend zu heben + Knie + Rücken.
    Am besten also die Muskulatur des ganzen Körpers kräftigen und am Abend dann entspannen, für einen gesunden und erholsamen Schlaf.

    Mit freundlichen Grüßen
    Susanne

  6. Ich habe meine jahrelangen und sehr unangenehmen Rückenschmerzen durch die Yogaübungen der Rishikesh-Reihe auflösen können. Mir haben damals insbesondere die Drehbewegungen sehr gut getan. Natürlich ist das individuell und es wird Menschen geben, die tatsächlich vorsichtig sein müssen. Das gilt für das Thema „Rück-und Vorwärtsbeugen“ auch. Gerade wenn man sich über viele Jahre eine ungünstige Haltung angewöhnt hat oder es tatsächlich Degenerationserscheinungen an der Wirbelsäule oder den Gelenken gibt, sollte man hier sehr auf sich achten und vorsichtig sein. Grenzen erkennen und respektieren ist hier wichtig. Insgesamt empfinde ich in den Yogastunden die häufige Wiederholung des klassischen Sonnengrußes als problematisch für Menschen mit latenten Rückenproblemen – nicht zuletzt aus „psychologischen“ Gründen, da Teilnehmer tendenziell immer versuchen, mit den anderen „mitzuhalten“ und hier ggf. über ihre Grenzen hinausgehen. Es gibt tolle Variationen des Sonnengrußes, die nicht nur für „Rückengeschädigte“ gut sind. Auf jeden Fall ist aber die Bewegung und die Stärkung der Muskeln das Beste, was man für seinen Rücken tun kann. LG, Esther

  7. Sylvia Sterzenbach

    Auch ich durfte eine besondere Erfahrung dieser Art machen. Ich hatte bei Yoga-Vidya ein Intensiv-Asana-Seminar gebucht und aus mir unerklärlichen Gründen bekam ich zwei Tage vor Beginn des Kurses solche Rückenschmerzen, dass ich mich kaum bewegen konnte. Ich begann dann trotzdem am Freitag mit der Mittelstufenreihe so sanft wie möglich und war am Samstag in der Lage, den 6-stündigen Kurs supergut mitzumachen. Sämtliche Verspannungen, Irritationen und Schmerzzustände haben sich komplett aufgelöst. Am Sonntag spürte ich so gut wie nichts mehr. Das war wirklich eine unglaublich wichtige Erfahrung. Ich habe allerdings auch, so wie es unsere Kursleiterin uns immer wieder sagte, meine Grenzen respektiert und nichts erzwungen. Ich kann nur sagen, ich war wirklich im positiven Sinne so überrascht und begeistert. LG, Sylvia

  8. Vielen Dank!

    Sukadev hat uns immer gelehrt, Rückenyoga ist nicht nur Schonyoga, sondern ganzheitliches Rückenyoga. Das heißt, Rückenyoga ist so strukturiert, dass aus der Grundreihe die Übungen entstehen, die können dann das Ungleichgewichte ausbalansieren, und die betreffenden Körperbereiche neu gestärken. Dabei ist das Gute, dass das Körperbewußtsein/-gefühl steigt, und man ist den Rückenproblemen nicht hilflos ausgeliefert.

  9. Jyoti Uta Zohren

    Om Om Om

    vielen Dank für diese Informationen.

    So kann ich beruhigt mit meinen Rückenkurs Yogateilnehmern im Sinne der Yoga Vidya Grundreihe üben.
    Sie schulen so ihr Körperbewusstsein und gehen mit evtl. auftauchenden „Schmerzen“ anders um.

    Om Shanti Jyoti Uta Zohren

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