Über Entsagung

Entsagung kann im weiteren Sinne einfach nur bedeuten, all den zahlreichen Wünschen des Geistes nicht augenblicklich und impulsiv nachzukommen. Mit den eigenen Vorlieben und Abneigungen gelassen und geschickt umzugehen. Geduld aufzubringen. Das Leben sich entfalten zu lassen, ohne dabei in allen Einzelheiten „die Kontrolle“ darüber haben zu müssen. Man entsagt der Vehemenz des Egos – der zentralen Ich-Bezogenheit, die sich am Lauf der Welt und an allem immer wieder ächzend reibt.

Entsagung bedeutet, geistige Stärke zu entwickeln. Man bedenke: Ein Mensch wird zum Opfer seiner Wünsche, wenn er sich nicht selbst erzieht. Ein Mensch, der „bewusst entsagt“, ist mit dem, was er hat, zufrieden – mag es viel oder wenig sein. Ein bekanntes Sprichwort lautet „weniger ist mehr“.

Es muss nicht immer anders, besser oder mehr werden – auf welcher Ebene auch immer, physisch oder psychisch. Sowieso: Das Leben selbst bringt den Menschen zur Entsagung – nicht selten unfreiwillig – indem er nicht immer das bekommt, was er will. Stets handelt es sich dabei um einen Segen; obgleich nur selten als ein solcher gedeutet und erlebt.

Ja: Das Wesen der Entsagung ist Freiwilligkeit. Und ebenso ist sie es nicht. In eines reifen Menschen Leben wird Entsagung irgendwann zur Pflicht. Dann wieder nicht.

Entsagung als Reaktion auf Mangel schmerzt. Entsagung als ein freier Akt ist Ausdruck einer starken Seele. Der Entsagende schont die Frucht zum Wohl der Ernte.

Entsagung löst uns von den Bindungen der Welt. Und weil es immer weiter geht im Leben, erfahren wir, dass es auch weitergeht ohne die Dinge oder Umstände, die wir als ach so notwendig erachtet haben, obwohl sie es nicht sind.

Entsagung ist Achtung des Lebens um des Lebens willen in Anbetracht des Wohles aller, nicht um des Einzelnen Bequemlichkeit.

„No want is the greatest bliss“, so Ramana Maharshi, was soviel heißt wie „Wunschlosigkeit ist das höchste Glück“. Wunschlos glücklich, das kennt man hierzulande auch – jedenfalls als Redensart.

Wer demnach das, was er braucht, primär in sich selbst und in seinem Leben zu finden vermag, ist glücklich. Mit dem Vertrauen in das Wunderwerk des Lebens verhält es sich so: Was ich brauche kommt zu mir auf einfache, natürliche Art und Weise.

Dergestalt ist die Kraft der Entsagung, dass sie das Leben bereichert und erfüllt, indem sie den Drang nach ‚immer mehr‘ unter Kontrolle bringt und dadurch eine Gesinnung der Bedürftigkeit in ein Gefühl der Fülle transformiert. Entsagung ist gelebte Meisterschaft. Entsagung ist Erziehung für den Geist. Entsagung ist Geborgenheit bei Gott.

Entsagung ist eine Schwester der Güte. Bescheidenheit ist ein Kind der Entsagung – Zufriedenheit ihr Kindeskind. Die Familie der Entsagung lebt heiter und gelassen, fröhlich und frei.

Entsagung ist kein Krieg gegen die Welt, keine Ablehnung der Schönheit des Lebens – obgleich sie anfänglich ein offensiver Akt der Abkehr von „weltlichen Begierden“ sein kann – ja vermutlich sogar sein muss. Damit verhält es sich in etwa so: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Mit Entsagung hat ein Geplagter zu Beginn die Schwächung übersteigerter Ich-Bezogenheit (Ego) im Sinn. Danach, als auch zuvor durch Nichtbefriedigung trotz Überfluss, ist Raum für mehr… Offenheit.

Mit der Zeit ist Entsagung ein Akt der Liebe im Bewusstsein der Fülle. Der Entsagte ist im Frieden mit sich selbst. Im Einklang mit der Welt. Das Ziel aufrichtiger Entsagung ist Harmonie. Schließlich wird der Entsagung entsagt – das Leben spontan und ohne Widerspenstigkeit erlebt.

Entsagung bedeutet, nichts zu suchen und alles zu haben. Entsagung bedeutet Reichtum an Einfachheit.

Entsagung bedeutet, den eigenen Willen entbehren zu können, und doch auch weiterhin zu wollen und gleichermaßen zu empfangen – weil es der Wille Gottes ist, der sich so in allem zeigt.

Entsagung bezweckt Freiheit; die Unabhängigkeit von Abhängigkeit.

Entsagung bedeutet Kultivierung des Zufriedenseins mit dem, was ist.

Von der Welt entsagt, ist die Entsagung ein Ausdruck der Genügsamkeit.

Dem Entsagenden gehört die Welt – sie liegt ihm zu Füßen.

Entsagung ist eine Idee. Ein Konzept. Entsage der Definition und übrig bleibt Freiheit. Ein Ideal frei von Ideal.

Om Shanti

~dg

1 Kommentar zu “Über Entsagung

  1. Anonymous

    oh wie wunderschön 🙂 Vielen Dank liebes YogaVidya Team

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