Interview mit Kai Hitzer: Kalarippayat

Auf dem Yoga Vidya Musik-Festival 2015 waren Kai Hitzer & Freunde mit einer atemraubenden Kalarippayat-Performance und einem Kalari-Workshop zu Gast bei Yoga Vidya Bad Meinberg.

Hier ein Interview mit Kai über die traditionsreiche indische Bewegungsform Kalarippayat. [Weiter unten findest du auch ein eindrucksvolles Video mit Kai]

Hallo Kai! Was ist Kalarippayat und wo sind die Schnittstellen zu Ayurveda und Yoga?

Kai: Kalarippayat (auch: Kalari) ist eine uralte indische Kampf- und Heilkunst, genauer gesagt südindisch – entstanden ist sie an dem Schnittpunkt der vedischen Kultur und der Dravidischen Urkultur Südindiens. Die Gemeinsamkeit zu Yoga und Ayurveda ist sicherlich die Zeit, in der sich Kalari entwickelt hat. Man sagt, dass sich Yoga, Ayurveda und Kalarippayat zeitgleich entwickelt haben und sich deshalb auch gegenseitig stark beeinflusst haben. Generell kann man sich das ganze System vorstellen wie ein Dreieck, bestehend aus Mystik (in der Form von Yoga), Heilkünste (in der Form indischer Heilkünste wie Ayurveda) und Kampfkunst, eben das Kalarippayat.

Für wen ist Kalari eine geeignete Sportart bzw. geeignet als Kampfkunst oder Bewegungsform?

Kai: Du hast es eigentlich schon gesagt: Sportart, Kampfkunst, Bewegungsform –  es kann also ganz unterschiedlich genutzt werden, auch therapeutisch. Generell ist Kalarippayat für jeden geeignet. Traditionell ist es so, dass Kinder in Südindien im Alter von sechs bis acht Jahren während der Monsunzeit eingeweiht werden. Sie profitieren stark davon, Kalari bereits in jungen Jahren auszuführen. Das ist sehr förderlich für die Kinder, da man davon ausgeht, dass die Verteilung der Doshas, also die Konstitution der Kinder, durch Kalari noch bis zum 12. Lebensjahr aktiv beeinflusst werden kann. Man kann aber in jedem Alter damit beginnen, da alle Übungen so modifizierbar sind, dass sie für jeden geeignet sind. Kalari kann Leistungssportler an ihre Grenzen bringen, aber kann auch rein therapeutisch genutzt werden – in Verbindung mit Kalari Chikitsa, der Heilkunst des Kalaris.

Kannst Du uns zu dieser Heilkunst des Kalari, dem Kalari Chikitsa, noch etwas mehr erzählen?

Kai: Ja gerne, Kalari Chikitsa ist eine eigenständige Heilkunst, die auch nach wie vor dafür kämpft, in Südindien vollends als medizinisches System anerkannt zu werden. Ayurveda, die westlichen Medizinsysteme und Siddha Medizin genießen in Indien ja volle staatlich Anerkennung. Um es zu verbildlichen, kann man sagen, dass die Kalari-Meister die Orthopäden und die Neurologen Südindiens sind und immer schon gewesen sind. Das heißt, sie arbeiten auf der einen Seite sehr strukturell, wie man das vielleicht von Orthopäden oder Chiropraktikern kennt. Sie arbeiten aber auch mit den Marmas und den Nadis, sozusagen dem neurologischen Teil des Energiesystems und mit den Faszien. Das macht Kalari Chikitsa zu einer sehr vielfältigen und sehr wirkungsvollen Heilkunst, die immer auch parallel zur Kampfkunst ausgeübt wird.

Inwiefern könnte mich als Yogapraktizierender Kalari in meiner Yogapraxis voranbringen?

Kai: Im Grunde kann man das ganz gut sehen anhand von Shiva in der Form des Nataraj. Es gibt ja immer diesen Zyklus von Kreation, Erhaltung und Zerstörung. Im Kalari sagen wir, wenn man lernen will, wie man etwas heilt, muss man erstmal lernen, wie man es zerstört. Und wenn wir diesen Aspekt generell aus unserem Leben ausschließen und uns nur konzentrieren auf Heilung oder Erhaltung, dann fehlt ein Teil dieser Gleichung. Dieses Konzept von Untergang, Zerstörung oder Desintegration ist ein ganz integraler Bestandteil von Kampfkunst. Dies versetzt die Praktizierenden solcher Künste auch in die Position, sehr kraftvoll Heilkunst ausüben können, da sie das energetische Fundament dafür mitbringen. Zum einem verfügen sie über Gleichmut und ein starkes Energiesystem und gleichzeitig kennen sie den Körper in seiner Struktur und in seinem Energiesystem sehr gut. Davon kann ich als Yoga-Praktizierender auch sehr stark profitieren, indem sich mein Körper noch mal auf eine andere Art und Weise kräftigt und verändert. Und ich kann das Spektrum meiner Existenz  noch mehr in seiner Ganzheit wahrnehmen, indem ich mich aktiv mit dem Aspekt einer Kampfkunst auseinander setze.

Kai, wie bist Du selbst zum Kalarippayat gekommen, und wie hat sich dein Leben dadurch verändert?

Kai: Ich habe ganz früher als Kind relativ viel Kampfkunst ausgeübt, das ging los mit Judo, da war ich sechs. Dann habe ich Sachen gemacht wie Taekwondo und Jiu Jitsu. Mit Anfang zwanzig, habe ich mich dann dem Yoga zugewandt, weil mir ein bisschen die spirituelle Tiefe fehlte bei diesen fast schon Kampf- „Sportarten“. Leider wird dort oftmals nicht mehr viel von der Tradition weitergegeben. Yoga habe ich einige Jahre sehr körperlich, sehr sportlich praktiziert und war dann bereits angemeldet für eine Ashtanga Vingasa Yogalehrerausbildung in Südengland.  Während der Vorbereitungen dafür habe ich mich in Supta Kurmasana (schlafende Schildkröte) sehr stark am Rücken verletzt, hatte also einen richtigen Bandscheibenvorfall. Und das kam aus einer Kombination aus falschem Ehrgeiz meinerseits und einer nicht ganz so glücklichen Korrektur des Lehrers in dieser Situation, es war quasi Teamwork. Der Vorfall war so gravierend, dass meine physische Praxis quasi zerstört war,  ich konnte maximal noch 50 Meter gehen und dann war das Bein entweder taub oder hat gebrannt wie Feuer. Gleichzeitig wollte ich mich nicht operieren lassen. In dieser Situation und habe dann über mehrere Monate konventionelle Methoden der westlichen Physiotherapie und der Orthopädie ausprobiert, von Spritzen über Krankengymnastik, auch Yoga hat mir damals nicht geholfen.

Ich bin dann über die Erinnerung an einen Artikel, den ich mal gelesen hatte, zum Kalari gekommen. Dort stand, dass Kalari „das Yoga der Kampfkünste“ sei – das ist haften geblieben. Es klang so paradox für mich und hat mich einfach neugierig gemacht, was das bedeutet. Gleichzeitig habe ich mich auch daran erinnert, dass es ein sehr wirkungsvolles Therapiesystem ist, insbesondere für die Gelenke des Körpers und speziell für die Wirbelsäule. Durch einen Zufall habe ich dann erfahren, dass es damals schon eine Gruppe in Hamburg gab. Das ist wirklich ein großer Zufall, denn nach wie vor ist Kalari im Westen sehr unbekannt; es gibt nur sehr wenige qualifizierte Lehrer und sehr wenige Schulen. Dort habe ich dann über zwei sehr einfache Übungen, den sogenannten geraden Fußschwung und die Elefantenstellung so gravierende Fortschritte in meinem Heilprozess gemacht, dass ich dann aufgrund dieser Erfahrung beschlossen hatte, nach Indien zu fahren. Ich wollte sozusagen zur Quelle zu fahren, um zu schauen, wo Kalari herkommt und um es in Indien zu lernen. So bin ich dann zu meinem Lehrer gekommen, dem Großmeister C.M. Sherif Gurukkal.

 

Kann man Kalarippayat auch zu Hause alleine praktizieren, vergleichsweise mit der eigenen Yogapraxis, oder ist es sinnvoller sich einem Lehrer und einer Trainingsgruppe anzuschließen?

Kai: Ein Fundament ist auf jeden Fall wichtig. Generell rate ich davon ab, Dinge zu vermischen. Das heisst, wenn jemand bereits Yoga praktiziert, würde ich immer empfehlen, die Yoga Praxis und die Kalari Praxis zu trennen. Bezüglich der Kalari Praxis macht es auf jeden Fall Sinn, sich