Die Fliege am Fensterglas – Guru & Schüler

Swami Sivananda Saraswati verließ am 14. Juli 1963 seinen Körper. Dieses Ereignis und der damit verbundene Jahrestag ist als „Sivananda Mahasamadhi“ geläufig und wird jährlich am 14. Juli auch in den vier Yoga Vidya Ashrams gefeiert. Der folgende Text ist inspiriert durch den integralen Yoga, der durch Swami Sivananda gelehrt und als Geschenk an die Menschheit weitergegeben worden ist. 

Kennst du das?

Eine Fliege (oder eine Biene, eine Wespe, …) kommt durch den Spalt eines gekippten Fensters in ein Zimmer hineingeflogen. Irgendetwas führte das Insekt in den Raum. Vielleicht war es ein vielversprechender Duft oder die Aussicht auf eine Unterkunft. Etwa Neugier?

Was es auch war, nach einer Weile wird das Tier vom großen Licht wieder nach draußen gerufen, doch – oh weh, es stößt fortwährend gegen eine massive Wand aus durchsichtigem Glas. An der Fensterscheibe zappelnd, versucht das Tier rastlos und mühevoll nach draußen zu kommen, angezogen vom Tageslicht, das seinen natürlichen Freiheitsdrang um ein Vielfaches verstärkt. Die Freiheit ist zum Greifen nah und doch so fern. Alle Versuche des Insektes scheitern immer wieder aufgrund seiner Unwissenheit, wie es nach draußen gelangen kann, nämlich durch den Spalt, durch den es hinein gekommen ist. Dem Tier fehlen offenbar genaue Kenntnisse über die Lage, in der es sich befindet, bzw. von welcher Art das Hindernis ist, das ihm im Wege steht.

Sichtweise und Wissen

Als stiller Beobachter einer solchen Situation hat man schnell den Blick für das Ganze. Man sieht die Gegebenheiten, man erkennt das Problem und weiß um dessen Lösung. Aus der umfassenden Perspektive ist es im Grunde sehr einfach, den befreienden Ausweg für das herumirrende Tier zu bestimmen. Als mitfühlende Person nimmt man sich des Insektes an und leitet es hin zum Spalt des Fensters, durch den es entkommen kann.

Was lässt sich davon ableiten?

Maya und die Welt des Scheins

Vedanta und die Schriften sagen uns, dass nur wirklich ist, was unveränderlich ist. Ein Mensch hingegen empfindet sich für gewöhnlich als eine Person, die gewissen Veränderungen unterliegt. Es kommt zu Identifikationen mit dem Körper, mit Gedanken, mit Emotionen, mit dem Intellekt. Aus diesen Identifikationen resultiert wiederum ein individuelles Selbstbild, das irrigerweise für eine ‚reale‘ Identität gehalten wird. Hier ist Maya, Täuschung, am Werk.

Maya ist eine rätselhaft-täuschende Kraft, die uns auf der Ebene der Erfahrung auf wundersame Weise vom Gefühl der Vollkommenheit und der Fülle getrennt zu halten vermag, obgleich unsere wahre Natur Vollkommenheit und Fülle [Purna] ist. Wie das hilflose Insekt am Fensterglas, so verzettelt sich auch der menschliche Geist [Vgl.: Antahkarana im Sankhya] bei seinem – durch sinnhafte Eindrücke begleiteten – Kontakt zur Welt [Jagat]. Der hauptsächliche Grund dafür ist Unwissenheit, eine Art „Blindheit“.

Irgendwie unterscheidet sich Maya von dem, was existiert, und zugleich von dem, was nicht existiert. Es ist „Sat-Asat Vilakshanam“ – weder wirklich noch unwirklich. Wie eine Fata-Morgana, eine Luftspiegelung, bringt Maya etwas hervor, das im Grunde genommen nicht das ist, als was es erscheint. So ist Maya einerseits existent, ohne doch [wirklich] zu sein. Man könnte sagen, es ist weder das eine noch das andere. Das macht es für den Menschen offenbar so schwierig, zu erkennen, was vonstatten geht. Es ist ein bisschen so, wie mit dem Fensterglas: Solange das Hindernis als ein solches unerkannt bleibt, versperrt es den Weg.

Das Problem der Irre (bzw. das Problem als eine Folgeerscheinung der Irre) besteht im Vorhandensein von Unwissenheit. Befreiung liegt im Wissen. Das ist nicht kompliziert, doch einfach ist es auch nicht. Solange Unwissenheit über unser wahres Selbst (in uns) bestehen bleibt, so lange werden wir von Illusion (Maya, Mithya) getäuscht, was wiederum in Erfahrungen resultiert, die man mit dem Wort ‚leidvoll‘ beschreiben könnte. Tragisch, oder? Früher oder später entwickelt sich aber ein gesteigertes Verlangen nach vollständiger Befreiung (Moksha), das schließlich durch nichts anderes gestillt werden kann außer durch Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis ist die Medizin, das ultimative Mittel für eine Krankheit, die sich auf etwas zurückführen lässt, was nicht wirklich ist.

brahma satyam jagan mithyā – Brahman ist Wahrheit, die Welt ist Schein.

So wie die Fliege an dem Fensterglas weder ein noch aus weiß, so irrt ein menschliches Wesen [bzw. der Jiva] von Dualität gepeinigt umher, solange, bis es die unumstößliche Erkenntnis über seine absolute, unveränderliche und vollkommene Natur erlangt hat. Dabei kommt oftmals ein Guru, ein Meister, ein spiritueller Lehrer zur Hilfe – in welcher ‚Form‘ auch immer. Das Leben selbst, die Welt, ist ein Lehrer – Jagadguru. Und doch offenbart sich der Guru nicht selten in personifizierter Gestalt.

Swami Sivananda Saraswati

Asato Ma Sad Gamaya – Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen

Der Guru, der Meister, ist derjenige, der ganz genau um die Unvereinbarkeit von Wirklichkeit und Unwirklichkeit weiß, mitsamt des Dilemmas, das für jene entsteht, die die Illusion für real halten. So kennt der Guru die grundlegende Schwierigkeit des Menschen, Bindung inmitten grenzenloser Freiheit zu ‚erfahren‘.

Durch den Meister fließt eine besondere göttliche Kraft und der Guru macht sich daran, die ersehnte Hilfe zu leisten, denn das ist seine Funktion. Er ist wie eine Kerze, die ihr Licht (der Erkenntnis) unvermindert an zahllos weitere Kerzen weitergibt. Guru bedeutet auch „Auslöscher der Dunkelheit“ – so ist er derjenige, der von der Unwissenheit befreit und im übertragenen Sinne von der Dunkelheit zum Licht führt. Der Guru unterstützt, lenkt und leitet den Schüler hin zur Befreiung, wenn dieser so intensiv danach verlangt, dass der Eintritt von Erkenntnis unausweichlich geworden ist.

„Ist der Schüler bereit, ist sein Meister nicht weit“ – ist ein altes spirituelles Sprichwort. In diesem Sinn ist es nicht der Schüler, welcher den Meister sucht. Vielmehr ist es ein Zusammentreffen zwischen Lehrer und Schüler, welches dann geschieht, wenn der Schüler bereit ist. Um einen Guru zu finden, ist es am wichtigsten, sich selbst vorzubereiten. Wenn man sich entwickelt, erscheint einem ein spiritueller Lehrer – oder auch nicht. Es geschieht das, was geschehen soll. [Yoga Wiki über ‚Guru‘]

Vortrefflich ist des Gurus Mildtätigkeit, die sich nicht immer auf eine sanfte Art und Weise zeigen muss. Es wird getan, was getan werden muss, vorausgesetzt, der Schüler ist bereit. Dabei ist der Guru wahrhaftig großzügig in seinen Gaben – niemals jedoch ein Tyrann oder auf persönliche Vorteile bedacht. Der Guru befreit; er bindet nicht. Selbstverständlich muss ein Guru nicht unbedingt ein Mann sein. Der Körper ist lediglich ein Mittel, ein Instrument und erfüllt einen Zweck. Atman ist frei von [körperlichen] Begrenzungen.

Ohne eine gewisse Reife des Aspiranten kann Entscheidendes nicht vollständig bewirkt werden. Das Maß an Bereitwilligkeit hat Einfluss auf den Fortschritt. Entwicklung verlangt nach Offenheit. Wachstum erfordert Anpassung. Wenn das Ego des Schülers rebelliert, wird das Leben so lange – bisweilen schmerzhaft – wirken, bis im Schüler die jeweils notwendigen Einsichten zu dämmern beginnen, um so Schritt für Schritt voranzukommen. Das gilt in Hinblick darauf, dass das relative Leben als ein praktischer Weg und als ein Wachstumsprozess durch Erfahrung verstanden wird. In Wirklichkeit aber kann man nichts tun, um zu werden, was man ist. Dazu aber braucht es in der Welt der Erscheinungen gleichfalls Erkenntnis, um unerschütterlich in diesem einen, wahren, liebevollen, reinen und absoluten SELBST zu ‚ruhen‘.

Soham – „Ich bin DAS“, Ich bin weder Körper noch Geist. Ich bin das unsterbliche Selbst.

Bisweilen taumelt ein spiritueller Sucher von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr – ahnungslos, was genau zu tun ist, so wie ein Insekt an der Glasscheibe ratlos umherirrt. Wohl wahr: Weit ist der Suchende in seiner menschlichen Gestalt gekommen, makellos und rein ist seine Essenz. Aber tatsächlich benötigen viele von uns an irgendeinem Punkt die Hilfe eines erhabenen Kenners, eines Lehrers, eines Gurus, eines Meisters, der exzellent um den Weg zur Freiheit weiß.

„Wo verläuft der Weg? Wie soll ich ihn gehen? Was ist zu tun? Ich weiß es nicht. Führe mich!“ – so können wir in aussichtslos erscheinenden Situationen loslassen von unserer anstrengenden Rastlosigkeit. Wir können innehalten, in die Stille hineinspüren, Kontakt aufnehmen und um Hilfe, Erkenntnis und Erleichterung, ja gar um Erleuchtung bitten, um infolgedessen von Verlangen frei zu sein. In manchen Traditionen ist es gar ein Weg, der kein Weg ist [der ‚pfadlose Weg‘]. In Stille empfangen wir Antwort.

Was leidet, ist nicht Teil von mir. [Ein Kurs in Wundern]

Eine solche Bitte, der Ruf des Herzens nach Erkenntnis und Befreiung, bleibt niemals ungehört noch unbeantwortet. Darauf können wir vertrauen – denn Erlösung ist uns bereits durch das gegeben, was wir [wirklich] sind. Derart ist die Herrlichkeit des Absoluten, des Allumfassenden, des Alldurchdringenden – Brahman.

Habe Vertrauen, dass dich eine segensreiche Kraft wohlwollend begleitet, wenn du bereit bist, die befreiende Richtung einzuschlagen und den Weg der Wege zu gehen. Schritt für Schritt, angemessen im Tempo, in Reichweite, in Schwierig- oder Leichtigkeit führt dich das Leben hin zum Ziel, dessen Ursprung deine Quelle ist. Der Meister ist die Form, die du gewählt hast, um dich zu lehren, was du bist. Wenn du erkennst und vollkommen darin aufgehst, was du bist, dann bist du frei – weil Freiheit das ist, was du bist.

Wenn du also das nächste Mal einer Fliege, einer Biene, einer Wespe oder einem Käfer dabei hilfst, den Weg ins Freie zu finden, so denke daran, dass das Göttliche gleichwohl durch DICH wirkt. 🙂

Om Shanti

(dg)

Asato Ma Sad Gamaya
Tamaso Ma Jyotir Gamaya
Nrityor Manritan Gamaya

Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen,
von der Dunkelheit zum Licht,
von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit.

 

9 Kommentare zu “Die Fliege am Fensterglas – Guru & Schüler

  1. sehr schöner Artikel. Danke sehr.
    Om Shanti, Rukmini

  2. Shaktipriya

    toll geschrieben, vielen Dank
    Shaktipriya

  3. Die Fliege kann den Ausgang finden. Aber nur per Zufall. Dies passt in das beschriebene Bild. Wir Menschen können natürlich ohne fremde Hilfe die Verwirklichung erreichen. Aber mit Anleitung eines Gurus spart man sich den einen oder anderen Irrweg. Warum soll die Fliege vom Fliegenwesen zum Menschenwesen wechseln? Ich gehe davon aus, das jedes Wesen zur Verwirklichung kommen kann.

  4. Om,
    die Verwirklichung als Fliege o.Ä. kann sich vor geschlossener Scheibe ohne fremde Hilfe nicht in die Freiheit begeben. Die Verwirklichung als Mensch ist in der Lage, sie zu befreien. Doch wird die Fliege niemals in der Lage sein, vom Fliegenwesen zum Menschenwesen zu wechseln, da kann die Fliege endlos auf ihre Art und Weise beten. Die Verwirklichung als Mensch verwirklicht sich auf allen 7 Ebenen, leider meinen viele, nur an den ersten zwei – drei Ebenen zu kleben und glauben, dass Hilfe von Außen uns in die anderen Ebenen bringen kann. Das ist paradox, oder?
    Óm shanti
    Maybel

  5. Manchmal ereignet sich das Phänomen der Täuschung auch auf solche Weise:
    https://media.giphy.com/media/xT8qBv4buISidn7xqo/giphy.gif
    Hund an Tür ohne Glas

    Om Shanti

  6. Om lieber Joachim,

    vielen Dank für den Hinweis.

    Ich habe das Buch „Der Yoga-Pfad“ nicht gelesen und kannte den von dir zitierten Text bislang nicht.

    Die Idee zum Text mit der Fliege und der Glasscheibe ist mir vor circa 2 Wochen (um genau zu sein am 30. Juni) in den Sinn gekommen. Von da an hat sich der Text in einem kreativen aber auch intuitiven Prozess entwickelt. In diesem Sommer konnte ich wieder einige solcher Szenarien beobachten, wo sich ein Insekt am Fensterglas abmühte. Der Text entwickelte sich im Laufe der Zeit, und irgendwie kam dann sogar noch die Sprache auf den Guru zustande. Ich fühlte mich beim Schreiben inspiriert.

    Schön, dass es solche ‚echten‘ Zufälle gibt. Kurios trifft es durchaus. Und es zeigt mir, dass wir verbunden sind – auf die eine UND auf die andere Art und Weise. 🙂

    Mit freundlichen Grüßen
    Om Shanti
    Dirk

  7. …on y soit qui mal y pense ….

    Ich zitiere aus meinem 2009 veröffentlichen Buch „Der Yoga-Pfad“, Aquamerin Verlag, ISBN – 978-3894274887, das in den Zentren von „Yoga Vidya“ ausliegt :::

    „Wir haben alle sicherlich schon mal eine Fliege gesehen, die hinter dem Glas, also an der Innenseite eines geöffneten Fensters nicht den Weg ins Freie fand. Kopfschüttelnd steht man daneben und fragt sich, warum diese Fliege es einfach nicht kapiert, dass ihre Freiheit nur ein paar Zentimeter daneben auf sie wartet. Sie bräuchte lediglich ein wenig zurück ins Innere des Raumes fliegen, und schon würde sie sehen, dass der Fensterflügel nach innen steht, das Fenster also offen ist und sie einfach hinaus fliegen könnte. Aber sie schafft es einfach nicht! Doch täuschen wir uns nicht – genau das ist u n s e r e Situation. Auch wir donnern unentwegt gegen die Innenseite eines Tores, das weit offen steht. Blind stürmt unsere Energie, stürmen unsere Vorstellungen und Wünsche nach draußen und kommen dort nie in der Weise, also wirksam und erfolgreich, an, wie es eigentlich von uns beabsichtigt war. Wie die Fliege versuchen wir es immer wieder auf die gleiche Weise: bum… bum… bum. Ein universaler Grundsatz allerdings lautet: Man kann nicht erwarten, dass sich im Leben etwas verändert, wenn man immer wieder das Selbe tut.“

    Das ist gaaaanz bestimmt ein Zufall. Aber eine solche sehr persönliche Beobachtung meinerseits – in Verknüpfung mit DERSELBEN Überlegung in Hinblick auf Yoga-Sadhana – irgendwo in mehr oder weniger demselben Duktus wiederzufinden, ist – gelinde gesagt – kurios …….. on y soit qui mal y pense …..

    Joachim ..

  8. Vielen Dank liebe Haripriya Râmanî!

    Liebe Grüße
    Om Shanti
    Dirk

  9. Anonymous

    danke lieber Dirk, sehr schön 🙂 <3

    Om shanti und lichtvolle Segensgrüße

    Haripriya Râmanî

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