Nada Yoga – alles ist Klang

Nada ist das Sanskrit-Wort für Strömung, Bewegung, Energie oder auch Klang. Nad oder Nada wird in den Veden als die allerursprünglichste Energie und Quelle alles Seienden aufgefasst.

Der große Sufi Lehrer Hazrat Inayat Khan sagt: „Schöpfung ist die Musik Gottes.” Mit anderen Worten: das gesamte Universum entstand aus Klang und wird beständig neu aus Klang geboren, – Klang, der widerhallt und sich in der gesamten Natur manifestiert.

Yoga bedeutet Einheit, EINS-Sein mit ALLEM – und beschreibt das Wissen, die Lehre und Wege hin zu diesem Ziel.

Nada Yoga benutzt die transformierende Kraft des Klanges, um EINS zu werden – EINS und EINIG mit sich selbst und der Welt.

Nada Yoga ist Balsam für die Seele:

einfach, freudvoll und zugleich sehr wirkungsvoll

  • einfach, weil jeder diesen Weg gehen kann. Egal welchen Alters, ob mit oder ohne musikalischer Vorbildung, auch besonders für Menschen, die ihre Stimme erst erkunden wollen.
  • freudvoll, weil die Musik die Sinne anspricht, das Gemüt beruhigt und Singen, wie man heute weiß, die Ausschüttung von Glückshormonen anregt und Angstempfinden hemmt.
  • wirksam weil Nada ganzheitlich wirkt auf Körper, Seele und Geist und unmittelbar die Prana-Stöme im Körper wieder zum Fließen bringt, reguliert, harmonisiert und anregt. Das Leben kann wieder durch die Energiebahnen „strömen”.

Der Ursprung des Nada Yoga geht auf die ersten Gesänge der Veden zurück. Es lässt sich zu Recht sagen, dass Nada Yoga der älteste Yoga überhaupt ist, aus dem sich alle anderen Yogarichtungen entwickelt haben. So sind uns heute einzelne Aspekte des Nada Yoga aus verschiedenen Yogarichtungen bekannt:

  • im Bhakti Yoga werden Mantras und heilige Texte rezitiert
  • im Satsang singen wir, um unsere Gemeinschaft zu stärken
  • im Kundalini Yoga benutzen wir Mantras und Yantras zur Reinigung der Chakren
  • in der Meditation lauschen wir auf äußere und innere Klänge
  • im Klang Yoga wird die Hatha Yoga Praxis mit Klängen begleitet
  • zur Tiefenentspannung lauschen wir Klangreisen

Nada Yoga & Klang-Seminare →

Man kann sagen, dass es grob zwei Hauptrichtungen im klassischen Nada Yoga gibt. Das reine Lauschen auf die inneren Klänge, so wie es in der Nad-Bindu Upanishad der Rig Veda beschrieben wird und die Praxis über den äußeren Klang, die am reinsten in der klassischen indischen Musik bis heute überliefert ist. Auf diese zweite Richtung beziehe ich mich im Folgenden.

Sie basiert bis heute auf den Prinzipien des Nada Yoga und klingt und wirkt darum auch ganz anders als unsere westliche Musik.

Musik und Natur – ein Erlebnis mit Krishnas Biene

Ich lernte Nada Yoga kennen über Tim Jones, den Meisterschüler von Shivashankara Pannikar, einem Sänger aus Karnataka. Als Tempelmusiker in Kerala, Süd-Indien, viele Jahre lang zuständig für die Ausrichtung der Rituale. Ich lernte ihn kennen während meines ersten Aufenthaltes in Indien 2005, ein gutes Jahr bevor er seinen Körper verließ. Wir lebten und lernten in seinem Haus und Garten. Er unterrichtete schon nicht mehr selber, aber er zeigte mir mit unendlich viel Freude und Liebe die ayurvedischen Pflanzen in seinem Garten, die er täglich beobachtete.

Ich bekam damals zum ersten Mal eine Ahnung davon, wie Musik und Natur zusammen wirken:

Wir trafen uns zum Unterricht jeden Vor- und Nachmittag in einer Gartenlaube aus Bambus, zu allen Seiten hin ganz und gar offen. Es gab keinen Sicht-, Wind- oder Lärmschutz, dennoch gab sie uns das Gefühl eines natürlichen Musiktempels. Nach und nach tauchten wir tiefer ein in die Natur der „Ragas“, der uns zunächst so fremd klingenden indische Melodiestrukturen, die meist Göttern und den Rhythmen in der Natur gewidmt sind (z.B. Jahres- und Tagesrhythmen). Ich begann auch zu spüren, welch unterschiedliche Bewusstseinszustände sie in uns wach riefen und lernte die Qualitäten der indischen Gottheiten auf ganz und gar neue und faszinierende Weise wahrzunehmen.

Am Ende der Zeit passierte etwas, was wie ein Wunder auf mich wirkte: Wir hatten in der Zwischenzeit ein zauberhaftes Krishnalied mit dem Titel „Murali“ ganz gut gelernt mit dem ihm gewidmeten Raga und sangen es bereits lange am Morgen, als plötzlich eine dort sehr selten sichtbare dicke schwarze Biene zu uns in die Laube schwirrte und sich offensichtlich sehr wohl fühlte. Indu, die Tochter von Guruji (wie wir Shivashankara Pannikar kurz nannten) lachte auf und sagte, dies sei Krishnas Biene! Sie bohrt Löcher in das Schilfrohr in Brindavan (Krishnas Heimatort), um darin ihre Nester zu bauen. Dadurch beginnt der Bambuswald zu singen, wenn der Wind hindurch geht und Krishna nutze den durchbohrten Bambus als Flöte, sein „Murali“.

Yoga Wiki über Nada Yoga →

Wir sangen für Krishna, die Natur antwortete auf ihre Weise – vielleicht einfach nur ein Zufall? Seitdem beobachte ich oft, wie die Vögel sich plötzlich zeigen auf der Hecke vorm Studio und mitsingen oder einfach nur zuhören. Jedenfalls kann ich mir heute viel eher vorstellen, dass es wirklich stimmt, wenn es zum Beispiel heißt, dass die großen Musikheiligen Indiens den Regen „herbeisangen“.

Und wenn ich dann in modernen, wissenschaftlichen Büchern über die physikalischen Wirkungen von Resonanz lese, dem formbildenden Prinzip in der Natur überhaupt, dann verstehe ich die Welt um mich herum plötzlich ganz neu…

Die Heilkraft im klassischen Nada Yoga

Sie beruht auf einer besonderen Art zu singen, nämlich so, dass Atemfluss, Stimme, Rhythmus und Tonfrequenzen unmittelbar auf die Energiebahnen im Körper wirken – nicht umsonst heißen sie „Nadis“ – also direkt übersetzt eigentlich „Klangbahnen“.

Die Wirkungsweise des klassischen Nada Yoga

Der Klangstrom erzeugt feine Vibrationen, “massiert” den Körper “von innen” bis in die feinstofflichen Schichten der Chakras und Nadis – (Energie- oder eben „Klangbahnen“ im Körper). Atmung, Blutkreislauf, Stoffwechsel und andere Körperfunktionen kommen wieder miteinander “in Einklang“, Drüsenfunktionen werden angeregt. Zum Beispiel werden beim Singen Melantonine ausgeschüttet, die sog. “Glückshormone”.

Wichtig ist der im Nada Yoga stets begleitende Grundton. Alle anderen Töne entstehen aus ihm und kehren am Ende wieder zu ihm zurück. Die darauf basierende Praxis des Nada Yoga nenne ich die „Sieben Töne des Lichts“ (™), sie entfalten ihre Farben aus dem Grundton, wie die Farben des Regenbogens aus dem weißen Licht.

Patanjali sagt: Der Grundton hole „… die Pferde zurück in den Stall“ und meint damit, dass all die beim Singen freiwerdenden Stimmungen und Gefühle sich wieder setzen, sammeln, wir tief „bei uns selbst zuhause ankommen“ und unsere Mitte finden.

Nada Yoga entwickelt die natürliche Stimme jenseits aller Moden und musikalischer Stilrichtungen. Die natürliche Stimme basiert auf der Sprechstimme, ist sehr körperlich und geerdet und gerade auch für Menschen geeignet, denen früher vielleicht einmal eingeredet wurde, „sie könnten nicht singen“. So etwas gibt es im Nada Yoga nicht.

Über die natürliche Stimme kann auch der persönliche Grundton bestimmt werden, der, einmal gefunden – wesentlich zur Harmonisierung des ganzen Wesens beiträgt und jedem hilft, auf die ihm angemessene Weise in Resonanz zu treten mit seiner Umwelt.

Anne-Careen Engel lebt nach jahrelanger Theaterarbeit als freie Künstlerin und Lehrerin für Yoga, Meditation und Nada Yoga in Hamburg. Sie entwickelte aufbauend auf der Jahrtausende alten, ursprünglichen Praxis ein Nada Yoga, das alte und neue Stimm und Klangwege vereint.

 

Dieser Artikel ist erschienen im Yoga Vidya Journal – Ausgabe Nr. 27.

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