Warum feiern wir Rituale?

Während der Lichtzeremonie verteilen wir Segen

Rituale sind im Haus Yoga Vidya ein schöner und fester Bestandteil des Alltags. Wenn man das erste Mal zu Yoga Vidya kommt, kann es allerdings leicht passieren, dass die ganzen Angebote wie Homa, Puja und Satsang etwas erschlagend wirken. Viele neue Gäste fragen sich, warum hier Pflanzenmilch über kleine Statuen gekippt wird oder stundenlang in einer fremden Sprache monotone Sätze wiederholt werden. Warum also machen wir hier bei Yoga Vidya all das und wie kann jeder selbst seinen Zugang finden?

Wenn man etwas verstehen will, ist es oft ein guter Anfang sich die Herkunft eines bestimmten Phänomens anzuschauen. Die Rituale, die bei Yoga Vidya oft durchgeführt werden, entstammen zum größten Teil dem Hinduismus und wurden von Swami Sivananda entweder komplett übernommen oder leicht verändert in die Tradition integriert. Es sind also meistens religiöse Rituale, die seit hunderten von Jahren vor allem in Indien praktiziert wurden. Jedes Ritual, ob Stotra Rezitation oder Krishna Puja, hat natürlich seine ganz eigene Daseinsberechtigung und Wirkung. Allerdings haben sie alle eins gemeinsam: den Symbolcharakter. Und das macht es gleichzeitig auch so schwer für viele, die im „westlichen Denksystem“ aufgewachsen sind.

Von Farbwörtern und Religion

Wer sich viel mit Philosophie oder Literatur beschäftigt kennt es: Jedes Buch, jede Theorie, jeder Dialekt öffnet eine ganz eigene Welt. Und diese Welt bestimmt maßgeblich, wie wir die nächste sehen, um uns zurechtzufinden. Ein praktisches Beispiel: Es gibt einige Sprachen, die nicht alle Farbwörter haben. Im Extremfall wie bei den Dani aus dem westlichen Hochland von Neuguinea hat eine Sprache sogar nur zwei Farbwörter, eins für hell (modla) und eins für dunkel (mili). Für ihren Alltag reicht den Danis diese Unterscheidung. Es führt allerdings dazu, dass sie sich nicht so einfach merken können, ob etwas nun hellgrün oder hellblau war (Heider & Olivier, 1972). Es war eben einfach hell.

Ähnlich verhält es sich beispielsweise mit dem christlichen Glauben und dem Hinduismus. Während im Katholischen oder Evangelischen „Gott“ meistens mit Vater, Allmächtiger oder Herr angesprochen wird (Merkelbach & Youtie, 1975), gibt es im Hinduismus zusätzlich eine Göttin. Diese heißt nicht nur Shakti, Devi, Kali oder Durga. Man kann auch Parvati, Lakshmi und Saraswati sagen. Hinzu kommt, dass mit Vater, Gott oder Herr immer der gleiche gemeint ist, während bei den vielen hinduistischen Bezeichnungen immer ein anderer Aspekt zum Vorschein kommt. Das Vokabular muss also von hell und dunkel auf blau, grün, rot umgestellt werden. Kein Wunder, dass am Anfang erst einmal der Kopf raucht.

Vokabeln lernen hilft, aber auf das Verständnis kommt es an.

Wer da nicht einfach aufgeben will, sondern sich der Herausforderung stellt die Vokabeln zu verstehen, der muss eventuell mit Widersprüchen leben. In Ansprachen von Sukadev lautet die Herkunftsgeschichte anders als im Wiki Artikel und nochmal anders im Buch in der Bibliothek. Die meisten wissen davon und nehmen es yogisch gelassen hin.

Ein weiterer Punkt in dem Denksystem der Hindus ist, dass es mehr als einen Wahrheitswert gibt. Philosophieliebhaber, die sich mit der klassischen Logik auseinandergesetzt haben, müssen ihre Wahrheitswerte von ja und nein erweitern. Es gibt nicht nur wahr und falsch, sondern auch: möglich, achte auf die Symbolik dahinter!

Im Haus Yoga Vidya heißt es oft, wir sind in einem Prozess. Das ist mehr an der Wahrheit dran, als die meisten meinen. Es handelt sich um den Prozess der Umstellung des Denksystems. Unser Hirn muss neue Verknüpfungen bilden, Synapsen umstöpseln und sinnbildliche Mauern durchbrechen. Was vorher nicht möglich war, geht auf einmal. Es gelten andere Werte. Nicht mehr die historische Richtigkeit steht an oberster Stelle, die Symbolik ist das neue höchste Gut. Darauf sind wir normalerweise nicht vorbereitet. Obwohl man im Deutschunterricht Analysen lernen sollte, ist diese Denkstruktur eher weniger verbreitet, da sie nicht so oft zum Tragen kommt wie in Indien.

Die Rituale auf uns wirken lassen

Heißt es jetzt, dass Puja, Rezitation und Mantrasingen nicht wirkt? Eher das genaue Gegenteil! In ein anderes Denksystem zu schlüpfen, kann Welten eröffnen. Wir können Probleme neu angehen und Lösungen finden, die vorher undenkbar waren. Wie die liberale Ironikerin nach Richard Rorty (1995), tauchen wir in eine neue Welt voller Möglichkeiten ein, die uns in der anderen Welt einfach verschlossen bleiben. Um bei dem Farbvokabelbeispiel zu bleiben: Wenn eine Sprache kein Wort für blau hat, dann kann ich die Farbe auch nicht übersetzen. Ähnlich verhält es sich mit Ideen. Wenn eine Kultur einfach kein Äquivalent für eine Gottheit hat, kann ich sie in dieser Kultur auch niemals nachvollziehen.

Hinter die Rituale schauen.

Erst, wenn wir verstanden haben, wofür das Wort blau gut ist, können wir es übernehmen. Auch hier ist der Kulturvergleich sehr passend. Erst wenn wir verstanden haben, wofür eine Puja ist, können wir die Erkenntnis mitnehmen und unser Vokabular erweitern. Die Lösung ist, das Wort aus der anderen Sprache zu übernehmen und in die eigene zu integrieren. Wir nehmen am Satsang, Puja und Homa teil, um die Erkenntnisse mit in unseren Alltag zu übertragen. Einfache Vokabeln lernen reicht dafür allerdings nicht aus. Wir müssen an den Traditionen teilnehmen, um sie wirklich zu verstehen. Wir tauchen vollkommen in das neue Denksystem ein, bis wir gelernt haben, was für uns nützlich ist und dann ziehen wir weiter.

Der erste Schritt ist also, sich auf die Rituale vollkommen einzulassen. So verstehen wir, was dahinter stecken kann und dann können wir letztendlich diese neue Erkenntnis für uns mitnehmen. Was genau jeder einzelne in den Traditionen sieht, ist sehr flexibel. Für den einen mag es die Idee der Hingabe sein, für den nächsten die Denkweise in Symbolen und für wieder einen anderen die Vorstellung von Segnung. Bei Yoga Vidya wird jeder eingeladen es für sich selbst herauszufinden. Wer eine Bereicherung in der Denkweise sieht, kann die kleinen Rituale auch mit nach Hause nehmen.

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