Warum feiern wir Rituale?

Rituale - Puja Shivaratri

Viele neue Gäste fragen sich, warum bei Yoga Vidya während der Rituale Wasser und Pflanzenmilch über kleine Statuen gekippt wird oder stundenlang monotone Sätze in einer fremden Sprache wiederholt werden. Rituale sind im Haus Yoga Vidya ein fester, wichtiger und schöner Bestandteil des Alltags. Wenn man das erste Mal zu Yoga Vidya kommt, kann es allerdings leicht passieren, dass die ganzen Angebote wie Homa, Pujas und Rezitationen etwas erschlagend wirken.

Wenn man ein bestimmtes Phänomen oder eine Sache verstehen will, ist es oft ein guter Anfang, sich die Herkunft dieser Sache anzuschauen. Die Rituale, die bei Yoga Vidya durchgeführt werden, entstammen zum größten Teil dem Hinduismus und wurden von Swami Sivananda entweder komplett übernommen oder leicht verändert in die Tradition integriert.

Es sind also größtenteils religiöse Rituale, die seit hunderten von Jahren vor allem in Indien praktiziert werden. Sie sind vor allen Dingen dazu gedacht die energetische Schwingung erhöhen. Jedes Ritual, von Stotra-Rezitation und Arati über Krishna-Puja bis hin zu Homa, hat darüber hinaus seine ganz eigene Daseinsberechtigung und Wirkung.

Rituale - Puja Shivaratri
Abisheka, das rituelle Bad mit Wasser oder Pflanzenmilch, ist Bestandteil jeder Puja

Allerdings haben sie alle eins gemeinsam: den Symbolcharakter. Und das macht es gleichzeitig auch so schwierig für viele, die im „westlichen Denksystem“ aufgewachsen sind.

Von Farbwörtern und Religion

Wer sich viel mit Philosophie oder Literatur beschäftigt, kennt es: Jedes Buch, jede Theorie, jede Sprache, jeder Dialekt öffnet eine ganz eigene Welt. Und diese Welt bestimmt maßgeblich, wie wir uns zurechtzufinden.

Ein praktisches Beispiel: Es gibt einige Sprachen, die nicht alle Farbwörter haben. Ein Extremfall stellen die Dani aus dem westlichen Hochland von Neuguinea dar. Sie haben sogar nur zwei Farbwörter, eins für hell (modla) und eins für dunkel (mili). Für ihren Alltag reicht den Danis diese Unterscheidung. Es führt allerdings dazu, dass sie sich nicht so einfach merken können, ob etwas nun hellgrün oder hellblau war. Es war eben einfach nur hell.

Ähnlich verhält es sich mit dem christlichen Glauben und dem Hinduismus. Während im Katholischen oder Evangelischen „Gott“ meistens als Vater, Allmächtiger oder Herr bezeichnet wird, gibt es im Hinduismus zusätzlich die weibliche Göttin.

Diese heißt nicht nur Shakti, Devi, Kali oder Durga. Man kann auch Parvati, Lakshmi oder Saraswati sagen. Hinzu kommt, dass mit Vater, Gott oder Herr immer der gleiche eine Aspekt gemeint ist, während bei den vielen hinduistischen Bezeichnungen immer ein anderer Aspekt des Göttlichen angesprochen wird.

Nicht nur schwarzweiß: Das Göttliche hat alle Farben

Das Vokabular muss also bei einem Christ, der sich mit dem Hinduismus befasst, von hell-dunkel auf blau, grün und rot umgestellt werden. Kein Wunder, dass am Anfang erst einmal der Kopf raucht.

Wer da nicht einfach aufgeben will, sondern sich der Herausforderung stellt, die Vokabeln zu verstehen, der muss eventuell mit Widersprüchen leben. In Ansprachen von Sukadev lautet die Herkunftsgeschichte manchmal anders als bei Yoga Wiki und nochmal anders im Buch in der Bibliothek. Die meisten wissen davon und nehmen es yogisch gelassen hin.

Ein weiterer Punkt in dem Denksystem der Hindus ist, dass es mehr als einen Wahrheitswert gibt. Philosophieliebhaber, die sich mit der klassischen Logik auseinandergesetzt haben, müssen ihre Wahrheitswerte von ja und nein erweitern. Es gibt nicht nur wahr und falsch, sondern auch: möglich – achte auf die Symbolik dahinter!

Im Haus Yoga Vidya heißt es oft, dass wir in einem Prozess sind. Das ist mehr an der Wahrheit dran, als die meisten meinen. Es handelt sich um den Prozess der Umstellung des Denksystems. Unser Hirn muss neue Verknüpfungen bilden, Synapsen umstöpseln und sinnbildliche Mauern durchbrechen.

Was vorher unmöglich schien, geht auf einmal. Es gelten andere Werte. Nicht mehr die historische Richtigkeit steht an oberster Stelle. Die Symbolik ist das neue höchste Gut. Darauf sind wir normalerweise nicht vorbereitet. Obwohl man im Deutschunterricht Analysen lernen sollte, ist diese Denkstruktur eher weniger verbreitet, da sie nicht so oft zum Tragen kommt wie in Indien.

Heißt es jetzt, dass Puja, Rezitation und Mantrasingen bei uns nicht wirkt?

Eher das genaue Gegenteil! In ein anderes Denksystem zu schlüpfen, kann Welten eröffnen. Wir können Probleme neu angehen und Lösungen finden, die vorher undenkbar waren.

Wie die liberale Ironikerin nach Richard Rorty (1995), tauchen wir in eine neue Welt voller Möglichkeiten ein, die uns in der anderen Welt einfach verschlossen bleiben. Um bei dem Farbvokabelbeispiel zu bleiben:

Wenn eine Sprache kein Wort für blau hat, dann kann ich die Farbe auch nicht übersetzen. Ähnlich verhält es sich mit Ideen. Wenn eine Kultur einfach kein Äquivalent für eine Gottheit hat, kann ich sie in dieser Kultur auch niemals nachvollziehen.

Erst, wenn wir verstanden haben, wofür das Wort blau gut ist und was es bedeutet, können wir es übernehmen. Auch hier ist der Kulturvergleich sehr passend. Erst wenn wir verstanden haben, wofür eine Puja ist, können wir die Erkenntnis mitnehmen und unser Vokabular erweitern.

Die Lösung ist, das Wort aus der anderen Sprache zu übernehmen und in die eigene zu integrieren. Wir nehmen am Satsang mit Arati, an einer Puja und Homa teil, um die Erkenntnisse mit in unseren Alltag zu übertragen.

Die Rituale auf uns wirken lassen

Einfache Vokabeln lernen reicht dafür allerdings nicht aus. Wir müssen an den Traditionen teilnehmen, um sie wirklich zu verstehen. Wir tauchen vollkommen in das neue Denksystem ein, bis wir gelernt haben, was für uns nützlich ist und dann ziehen wir weiter.

Der erste Schritt ist also, sich auf die Rituale vollkommen einzulassen.

So verstehen wir, was dahinter stecken kann. Dann können wir letztendlich diese neue Erkenntnis für uns mitnehmen. Was genau jeder Einzelne in den Traditionen sieht, ist sehr flexibel. Für den einen mag es die Idee der Hingabe, Herzöffnung oder Tranformation sein, für den nächsten die Denkweise in Symbolen und für wieder einen anderen die Vorstellung von Segnung.