Yoga – nie war er so politisch wie heute

Indien hat bereits einen Yoga-Minister, in Europa politisiert sich die Weisheitslehre. Wie sie brennende Gesellschaftsprobleme lösen kann, war Thema des ersten Europäischen Yogakongresses in Bad Meinberg. Yoga wird also auf europäischer Ebene politisch.

 

Frei nach Bernhard Shaw sind die besten Reformer jene, die bei sich selbst anfangen, erklärte der Europaparlamentarier Elmar Brok in seinem Grußwort und betont, dass in schnelllebigen Zeiten nur Halt erhält, wer versteht innezuhalten. Damit politisiert der Schirmherr des Kongresses „Yoga –Traditionelle Weisheit für die Zukunft“ ein Thema, das gemeinhin als krankenkassengesponsortes Bewegungsprogramm oder persönliche Krisenbewältigung gilt. Bei den über 300 in Bad Meinberg versammelten spirituellen Lehrern, Aspiranten und Verbandsleitern aus acht europäischen Ländern stieß seine Sicht auf uneingeschränkte Zustimmung. Jeder von ihnen widmet sein Leben der Erreichung inneren Friedens, um so zum gesellschaftlichen beizutragen.

 

13 Eröffnungsvortrag Amrta SuryanandaSeit rund 6000 Jahren weisen vedische Schriften den Weg zur Befriedung. In der globalen Computergesellschaft sind sie vielleicht aktueller denn je. Deshalb soll die Philosophie aus den Ashram hinein ins profane Leben schwappen. Das zumindest ist erklärtes Ziel von Swami Amrta Suryananda. Der angenehm gutgelaunte Mann in leuchtend Orange ist Präsident des portugisischen Yoga-Verbands und leitet das Yoga Sámkya Institute. Er berichtet von seinen UNESCO Verhandlungen, durch die der seit 2001 gefeierte Welt-Yogatag amtlich werden soll. Kommt es, wie geplant, setzt zu jeder Sonnenwende (21.6.) für 24 Stunden das Blutvergießen aus. Und Yoga mit seinem Prinzip des Ahimsas, des friedvollen Umgangs, wird zum Schulfach. Um die Ziele länderübergreifend voranzubringen, wird der Europäische Yogakongress künftig alle zwei Jahre tagen – 2016 im Bhaktivedanta College Belgien.

 

Menschen und Kulturen rücken mit der Globalisierung näher zusammen, dass sich auch die Yogatraditionen aller Länder vernetzen ist nur konsequent. Aber jede Religion und Ethik predigt gewaltloses Miteinander. Warum könnte just Yoga die überkonfessionelle Klammer sein, die unterschiedlichste Kulturen miteinander befrieden? Das erklärt Sukadev Bretz. Sein Yoga-Vidya Ashram in Bad Meinberg zählt mit über 500 Gästebetten, 160 Sevakas und 15 Yogalehrer-Ausbildungen pro Jahr zu den größten spirituellen Zentren Europas. Mit einem historischen Ritt durch die Jahrtausende verdeutlicht der Yogameister, dass niemals ein Glaubenskrieg von seinesgleichen ausging. Dennoch beeinflusste die indische Weisheitslehre unsere Zivilisation nachhaltig. Ohne sie wären Buddhismus, Ökologiebewegung, Psychoanalyse oder das Kurwesen vielleicht niemals entstanden. Doch Friedfertigkeit und interkulturelle Verwurzelung sind für Bretz nicht die einzigen Gründe, warum Yoga interkulturell verbindet. Schon heute praktizieren 300 Mio. Menschen weltweit über Landes- und Konfessionsgrenzen hinweg Hatha Yoga. Sie schaffen statistische Tatsachen, dass die zeitlose Philosophie zeitgemäße Lebenshilfe bietet und Religionen respektvoll integriert.

 

Eröffnungsritual
Eröffnungsritual

Wer nun einwendet, dass Yoga für moderne Menschen vornehmlich eine gesunde Körperertüchtigung und Stressabbau ist, verkennt die Zeichen der Zeit. „Früher duldeten Besucher die Spiritualität in unserem Haus, heute kommen sie ihretwegen!“, skizziert Yoga Vidyas stellvertetender Ashramleiter Narendra Hübner den Gesinnungswandel – und öffnete das zweite große Problemfass: gesund Altern! „Dank Schulmedizin werden die Menschen immer älter, aber nicht gesünder“, warnt er vor dem sich anbahnenden volkswirtschaftlichen Desaster. Den dringlichsten Handlungsbedarf verortet er bei den 60- bis 80-Jährigen, doch körperliche Degenerierung beginnt im bewegungsarmen Digitalzeitalter schon viel früher: In Deutschland stieg die Zahl übergewichtiger Männer von 52 auf 62%; die der Diabetiker auf 6 Mio; jeder dritte Dreißigjährige hat bereits Gelenkverschleiß und kaum ein 12-Jähriger langt noch beim Vorwärtsbeugen mit den Fingern zum Boden.

 

Warum sich Zivilisationskrankheiten verbreiten, ist Chandra Mohan Bhandari, Leiter des Polnischen Yogaverbandes, sonnenklar. Im Einklang mit seiner Natur ist der Mensch gesund, doch Technisierung entfremdet. 35 Jahre war er Botschafter für Indien, seit seiner Pensionierung ist er einer für Yoga und Ayurveda, der traditionell indischen Medizin. Dass der Heilansatz für Körper, Geist und Seele ein Schlüssel zu lebenslanger Vitalität ist, verkörpert er vielleicht selbst am Besten. Der rüstige Mittsechziger hat seit 20 Jahren keinen Arzt mehr konsultiert. „Zu uns kommen immer mehr Menschen, die im herrschenden Gesundheitssystem keine Lösung finden“, berichtet der Inder und beschreibt, wie richtiges Atmen gesund hält. Dass die ’natürlichste Sache der Welt’ keinesfalls trivial ist, wird mit seinen Übungsanleitungen klar. Die geforderte Präzision und Rhythmik hat wenig mit den verbreiteten VHS- und Sportstudio-Praktiken gemein. Wer also trotz Yogastunden Malaisen verspürt, sollte an seiner Atmung feilen.

59 Verabschiedung4Dass Yoga gelebte Einheit in der Vielfalt ist, dafür liefert der Kongress den besten Beweis. Noch Vieles wurde in den 12 Vorträgen, 25 Workshops und über 40 Yogastunden gesagt und praktiziert. Dabei hatte jeder der Meister, Swamis oder Verbandsvorsitzende das Ziel der Selbstverwirklichung vor Augen; und alle beriefen sich auf die Bhagavad Gita, die Yoga Sutras und auf einen der zwei wichtigsten Yogameister des 20. Jahrhunderts – Swami Sivananda oder Vivekananda Tirumalai Krishnamacharya. Doch so gleich ihre Wurzeln, so verschieden sind ihre Praktiken. Statt zu diskutieren, wurde achtsam gelauscht und neugierig probiert. Didi Sudesh von der Brahma Kumaris World University London, verdeutlichte, wie man mit Raja Yoga die Meisterschaft über den Verstand erlangt. Der Vizepräsident des russischen Yogaverbands Vladislav Fadee demonstrierte, wie Muskelaufbau und Atemkoordination dabei hilft, sich mit Welt zu verbinden. Die portugiesische Yoga-Sámkya Delegation bewies, dass sich Körper durch Zielfokussierung in physikalisch ungeahnte Positionen verbiegen lassen. Und der spanische Bhakti-Meister Madhavacharya, erklärte die sich bietende Vielfalt aus den Weisheitslehren heraus. Die nämlich sind so klug, dass sie Selbstreformation und Methodenvielfalt integrieren. Erlaubt ist, was Menschen zur Selbstbefreiung hilft. Was hilft, muss jeder selbst ausprobieren. Es ist dieses simple Gebot der Toleranz, die den Yoga für die globale Gesellschaft attraktiv machen.

 

Sieh dir hier die Fotogalerie des gesamten Kongresses an (direkt aufs Bild klicken und mit den Pfeilen links und rechts auf jedem Bild durch die Galerie navigieren).

Viel Freude dabei!

 

 

1 Kommentar zu “Yoga – nie war er so politisch wie heute

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Scheich-Zayid-Moschee
    Mein Geist/Körper Komplex ist mal wieder an einen Ort geführt worden, das so nicht geplant war. Vollkommen beeindruckt von der Energie und der Schönheit, wollte ich mich in den Gebetsraum begeben, mal wieder nicht groß nachdenkend, wollte ich einfach nur Gott danken für dieses Erlebnis, gekleidet in schwarzer Tracht senkte ich auch standesgemäß meinen Kopf. Es kam eine Frau auf mich zu, die mich fragte, ob ich eine Muslimin bin, ich sagte Nein, aber ich glaube auch an Gott, sie sagte, sie müssen gehen, dies ist nur für Moslems. Ich war etwas traurig, dann überkam mich Angst und dann war ich froh, das ich eine Yogini bin.
    OM

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