Irren ist menschlich.

Im vierten Baustein der Psychologischen Yogatherapie Ausbildung bei Yoga Vidya geht es um Yoga bei psychischen Problemen. In diesem Kommentar berichtet Sundari Lena Kuhlmann von ihren Erfahrungen.

Depressionen, Essstörungen, Ängste, Sucht, Trauma – man könnte meinen: die Abgründe der Menschheit. Die hässliche Seite, die keiner sehen will und die man auch eigentlich nur vom Hörensagen kennt.

Doch die Wahrheit ist doch, dass diese Seite in allen Menschen steckt. Dass jeder zumindest eine Nuance eines solchen psychischen Problems kennt. Vielleicht nicht alle und vielleicht auch nicht gleich in krankhafter Form.

Aber viele haben schon einmal so etwas wie eine melancholische Phase oder ein nicht-aufhören wollendes Gedankenkreisen erlebt – und damit einen Vorgeschmack einer Depression.

Oder die Tendenz mit zu viel Essen Emotionen wegzumachen oder mit zu wenig sich und sein Leben kontrollieren zu wollen. Oder den Geschmack einer tief sitzenden Angst, die einen fast handlungsunfähig macht. Oder das Erleben ohne etwas bestimmtes (eine Sache, eine Handlung, ein Gefühl, ein Mensch) nicht mehr leben zu können – und damit das Gefühl einer Sucht.

Auch die Teilnehmer haben ihre Geschichten

So ergeht es auch den Teilnehmern der Woche Yoga bei psychischen Problemen, Teil der Gesamtausbildung psychologische Yogatherapie. Auch die Teilnehmer haben ihre Geschichten, Erlebnissen, unverarbeiteten Teile und ebenso reflektierten Themen.

Kurz: Sie sind Menschen mitten im Leben. Und genau das genügt schon, um die psychischen Probleme nachfühlen zu können. Die Woche widmet jeder Störung einen ganzen Tag.

Auf Grundlage des ICD-10 (das Krankheits-Glossar als Orientierungswerk für alle Ärzte und Therapeuten) werden Krankheitsbild, Symptome, Diagnostik und mögliche Interventionen besprochen. Das klingt theoretisch, doch dabei bleibt es nicht.

Lebensnahe Auseinandersetzung mit den Störungen

Durch die lebhafte und lebensnahe Auseinandersetzung mit den Störungen wird auch das Innere eines/r jeden Teilnehmers/in angerüttelt. Fast automatisch sucht ein/e jede/r nach vergleichbaren eigenen Erlebnissen oder Empfindungen. Einige Teilnehmer teilen diese mit der Gruppe.

Auch Shivakami, Leiterin der Ausbildung, berichtet von Menschen und Geschichten, die ihr in ihrem Therapiezimmer begegnet sind.

Durch die Offenheit und Betroffenheit der Gruppe kann jede/r wieder selbst erleben: Diese Anteile stecken in jeder/m. Auch darüber hinaus ist dies ein sehr wertvoller Prozess.

Denn nur so können die angehenden TherapeutInnen wirklich verstehen und nachempfinden, wie es einem Menschen mit einem spezifischen psychischen Problem geht.

Mit Hatha Yoga den Heilungsweg unterstützen

Auf dieser Basis wird mögliche Hilfe aus dem Yoga besprochen. Denn der Tenor bei diesen schweren psychischen Problemen ist immer: Sie sollten in jedem Fall von einem Arzt oder Psychotherapeuten behandelt werden.

Dann können Yogatherapeuten wunderbar ergänzend mit Hatha Yoga den Heilungsprozess unterstützen. Und das auf sehr spezifische und vielfältige Weise:

Angst

Bei dem Thema Angst beispielsweise geht es vor allem darum, den Menschen in die Entspannung zu bringen. Denn wo Entspannung ist, da kann keine Angst sein. Übungen und Asanas, die erden, Raum und Weite schaffen, Halt geben und auch ein insgesamt sehr langsames Üben sind in diesem Fall besonders wirkungsvoll.

Depressionen

Bei Depressionen steht eher das Bedürfnis nach sich selbst spüren im Vordergrund. Die Freude daran seinen eigenen Körper wahrzunehmen sollte hier gestärkt werden. Dafür kann es auch mal dynamisch und anspannend sein, um sich zum Beispiel auch über die eigenen Muskeln zu spüren.

Das immer wieder in der Verbindung mit Entspannung kann zudem den natürlichen Fluss von An- und Entspannung, Freud und Leid, Höhen und Tiefen wieder herstellen. Auch der Atem ist ein wertvolles Instrument, um die innere Fülle wieder zu spüren.

Je besser der/die YogatherapeutIn seine/n KlientIn oder Gruppe kennen lernt, umso mehr kann hier auch individualisiert und intensiviert werden.

Neben der theoretischen Besprechung der Problembilder und dem Teilen der individuellen Erfahrungen, erleben die YogatherapeutInnen in Ausbildung auch die dazu passende Praxis.

Liebevoll und achtsam leitet Ute Zöllner (zweite Leiterin der Ausbildung) durch Yogastunden und Meditationen. Jeden Tag auf ein anderes psychisches Problem angepasst.

Die Schüler haben die Möglichkeit sich in das Problem hineinzufühlen, zu verstehen, was gut tut und wo die Grenze ist. Denn diese ist oft viel früher oder auch ganz woanders als bei Menschen ohne dieses psychische Problem.

Und gleichzeitig stellen viele immer wieder fest: Auch von diesem psychischen Problem wohnt ein Anteil in mir. Und das ist ok so. Denn ich bin ein Mensch mit allen menschlichen Eigenschaften. Alle Anteile dürfen da sein.

Wahrnehmen, Annehmen, Loslassen

Anstatt sie weg haben zu wollen, geht es im Leben immer wieder darum mich ihrer bewusst zu werden, sie zu akzeptieren und Energie nur in die Anteile zu geben, die mir gut tun.

Die Formel heißt: Wahrnehmen, Annehmen, Loslassen. Auch die schweren Anteile im Menschen dürfen da sein. Denn sie sind keine Randerscheinung der Gesellschaft. Es gibt sie in jedem Menschen.

Und wer sie wahrgenommen und angenommen hat, kann sie auch wirklich loslassen und ein Leben voller Lebendigkeit und Leichtigkeit führen. Doch auf dem Weg darf das auch mal schwer sein.

Ein Kommentar von Sundari Lena Kuhlmann


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