Wofür ich dankbar bin

Seit Februar 2015 bin ich Sevaka [fester Sevaka] bei Yoga Vidya Bad Meinberg. Ab und an empfinde ich viel „Unruhe“, sowohl im Inneren als auch im Außen, trotz der Tatsache, dass ich hier in einem Ashram lebe – also an einem Ort für spirituelle Praxis, der gleichwohl eine ‚Entlastung‘ von verschiedenen weltlichen Ver-Pflichtungen ermöglicht; der aber andererseits auch bestimmte Anforderungen bereithält.

Zum Glück weiß ich vieles hier zu schätzen, denn die Bedingungen und Möglichkeiten an diesem Ort scheinen mir außergewöhnlich hilfreich zu sein für körperlich-geistige Entwicklungsprozesse und für spirituelles Wachstum. Das mag vielleicht gewollt ‚wohlwollend‘ formuliert erscheinen, aber dankenswerter Weise empfinde und erfahre ich das tatsächlich genau so. So wie jeder andere Lebensumstand gleichfalls das Potenzial eines förderlichen Entwicklungsprozesses in sich trägt, denke ich, so ist das Leben im Ashram hier & jetzt optimal; andernfalls hätte es sich anders ereignet. 

Zufriedenheit und Dankbarkeit bedingen einander

Meiner Ansicht nach liegt Zufriedenheit [auch] darin begründet, anzunehmen, was ist. Wenn es regnet, schätze den Nutzen und den Zweck des Regens in diesem Moment. Er erfüllt seine Aufgabe vollends perfekt. Wenn der wolkenlose Himmel die Permanenz der Sonne offenbart, so finde auch daran gefallen. Aber klammere dich nicht – weder an das eine noch an das andere. Hältst du dich zu sehr an einer bestimmten Vorliebe fest, so erfährst du andernfalls im Zuge der wechselhaften Natur aller Dinge mehr Schwierigkeiten, als dir lieb sind – nicht nur aufgrund der Wechselhaftigkeit selbst, sondern insbesondere durch die Reibung, die zwischen dem lebendigen Fluss der Veränderung und den konstruierten Ideal-Vorstellungen entsteht, auf deren Erfüllung das ‚Ego‘ so eindringlich hofft, darauf beharrt und darum bangt.

Dankbarkeit wirkt dahingehend wie Medizin – wahre Wunder!

»Sei wie du bist.« – so spricht die Liebe zum Augenblick.

Wenn du für vieles, was dir im Leben begegnet, dankbar bist, dann speist diese Dankbarkeit wiederum die subjektive Erfahrung von Zufriedenheit. „Dankbarkeit trägt ihren Lohn in sich selbst“, kam mir in den Sinn, als ich in mich hineinspürte und dabei konkret erfuhr, dass Dankbarkeit ein hervorragender Treibstoff für ‚Glück‘ ist. Dabei gilt es auch, anzunehmen… z.B. anzunehmen, dass ‚Glück‘ verschiedene Definitionen haben kann, als auch, dass ‚Leben‘ größer und dynamischer als jegliches Konzept ist, mit dem es beschrieben werden könnte. Das Vollkommene ist frei, sich [als] vollkommen zu erfahren. Auch die Erfahrung von Unvollkommenheit gehört dazu. Zuspruch? Widerspruch?

Jetzt, jedenfalls, will ich einfach meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen:

Ich bin dankbar für mein Zimmer. Ich bin dankbar für das Bett, in dem ich schlafe, für die Dusche, für das WC, für den friedlichen Raum, in dem ich in Ruhe sein kann. Ich bin dankbar für das Wasser, das aus der Leitung fließt, wann immer ich es brauche. Ich bin dankbar für die Yogastunden, an denen ich (fast) täglich teilnehme. Ich bin dankbar für den gemeinschaftlichen Satsang, morgens und/oder abends. Ich bin dankbar, mich ab und an in Meditationen abzumühen, und trotzdem Liebe zu erfahren, komme was wolle. Ich bin dankbar für die freudigen Meditationen, die mich erheben.

Ich bin dankbar für das Essen, das all meinen Wünschen entspricht. Ich bin dankbar für die lieben Menschen, die die Mahlzeiten in der Ashram-Küche zubereiten. Tag für Tag. Ich bin dankbar für die vielen Menschen, die ihren Teil dazutun – und dem Ganzen einen Halt geben. Ich bin dankbar für die Annakama (Speisekammer), in der man sich mit vielen Leckereien versorgen kann. Ich bin dankbar für die Mantrayogastunden und für die wundervollen Konzerte, an denen ich teilhaben darf.

Ich bin dankbar für die menschliche Gemeinschaft, die sich hier regt, die sich bewegt, sich regeneriert, die pulsiert und die lebendig bebt. Ich bin dankbar für die 6 Wege des Yoga. Seit Urzeiten kann man auf ihnen wandeln, und sich Selbst dabei erfahren. Sich Schritt für Schritt näherkommen. Bei Sich ankommen. Bei Sich sein. Bis hin zur alldurchdringenden Stille, dem ewigen Frieden, dem Nicht-Ich, dem All-Eins.

Ich bin dankbar für die Yogalehrerausbildung. Lernen & Lehren sind zwei Seiten einer Medaille. Meister, Lehrer und Schüler gehen Hand in Hand. Niemand ist unter ihnen, der nicht des anderen Vollkommenheit bedingt.

Ich bin dankbar für die Vielfalt. Und für die Einheit.

Ich bin dankbar für die Herausforderungen, selbst wenn sie sich unangenehm anfühlen. Ich bin dankbar für die Sicherheit, die ich erfahre. Ich bin dankbar für die Unsicherheit, die sich mir offenbart, auf dass sie überwunden wird.

Ich bin dankbar für das Konstante. Und für den Wechsel. Und für die Ganzheit, die all dies umfasst.

Ich bin dankbar für die Dankbarkeit.

Om Shanti

 

Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?

 

 

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