Zu Weihnachten richtig schenken

Geschenke

Bald steht Weihnachten wieder vor der Tür. Die ersten Geschenke sind eventuell schon gekauft. Zwar sollten die kleinen bunten Päckchen nicht im Vordergrund stehen, trotzdem sorgen sie jedes Jahr aufs Neue für viel Kopfzerbrechen. Was soll ich nur schenken, ohne zu kränken?

Aber auch Geschenke annehmen kann ganz schön schwer sein. Zum Glück gibt es Yoga. Wie in so vielen Lebensbereichen ereilt uns unerwartete Hilfe aus Schriften von vor über zweitausend Jahren.

Das Schenken gehört in der westlichen Tradition fast unweigerlich zu Weihnachten dazu. Das kann man entweder gut oder schlecht finden. Wenn man auch selbst nichts verschenkt, kann es doch passieren, dass man etwas Kleines bekommt und so muss sich jeder von uns früher oder später damit auseinandersetzten. Im Yoga fangen wir meistens mit der Selbsterkenntnis an. Die Frage lautet also:

Warum schenken wir?

Kleine Mitbringsel und große Gesten senden oft ein soziales Signal. Sie sind mittlerweile in vielen Teilen Europas wichtig für den rituellen Zusammenhang (Baumann, 2008). Nicht nur Familien, Arbeitskollegen und Freundesgruppen, sondern auch Firmen und Hobbygruppen haben eigene Rituale geschaffen, bei denen das Schenken oft im Vordergrund steht. Wer hier nicht mitzieht, sorgt manchmal für Enttäuschung.

Schenken, weil man es nun mal so macht?

Das Geschenk an sich ist eine Pflicht geworden. Gerade in Kundenbeziehungen spielt auch die Art des Geschenks eine Rolle. Von einem großen, wohlhabenden Unternehmen erwarten wir mehr als nur einen 5 % Gutschein. Wir zeigen mit Geschenken manchmal, wo wir selbst stehen, oder wie viel der andere uns Wert ist.

Das führt uns zu einer weiteren Falle. Manchmal schenken wir aus Hierarchiegeplänkel (Arrow, 197). Wenn es schon unsere Pflicht ist etwas zu schenken, dann soll es uns wenigstens gut da stehen lassen. Wir wollen für unsere guten Geschenke erinnert werden und gelobt werden, dass wir so schöne Dinge aussuchen. Im besten Fall sind unsere Ideen auch noch besser als die der anderen Familienmitglieder. Es geht vor allem um Prestige, damit man unter all den Wohltätern als der Wohltätigste auffallen kann.

Schenken macht uns glücklich

Geschenk erhalten
Ein kleines bisschen Glück verschenken

Natürlich gibt es auch die Menschen und Situationen, die zum Schenken einladen, weil Schenken glücklich macht. Nicht nur beim Öffnen von Päckchen schütten wir Unmengen an Endorphinen und anderen Glückshormonen aus, sondern schon das Kaufen sorgt für Hochgefühle (Hill, 2009). Grade in engen Freundschaften, oder im Kreis der Familie wollen wir unsere Liebe durch kleine und große Präsente unter dem Baum ausdrücken.

Sukadev schreibt im Kommentar zu Patanjali einfach und ehrlich: „Geschenke aus Liebe öffnen das Herz. Liebe muss sich ja auch ausdrücken. Es reicht nicht allein aus, Liebe im Herzen zu haben. Man muss diese Liebe auch zeigen.“ Beispielsweise ein selbst gemaltes Bild von der Nichte, oder ein Fotoalbum vom Partner lassen Licht und Wärme in unsere Herzen.

Mit offenem Herzen schenken?

Wenn wir das offene Herz in den Mittelpunkt stellen, denken wir anders über Geschenke nach. Sowohl die, die wir bekommen, als auch unsere Geschenke an andere können in diese Kategorie fallen. Aus Herzen zu geben und zu nehmen bedeutet, auch auf andere Rücksicht zu nehmen.

Zwar sollte man beim Schenken nicht das Gefühl haben, nur aus Pflicht zu schenken, aber man sollte auch nicht die Gefühle anderer verletzten, indem man ein gut gemeintes Geschenk ablehnt, erklärt Sukadev. Wie so oft im Leben geht es also um die Mitte, nicht um die Extreme.

Geschenke verhaften uns

Patanjali selbst gibt uns in Bezug auf Geschenke die Vokabel Aparigraha an die Hand. In II.39 des Yoga Sutra geht es darum, Unbestechlichkeit fest zu begründen. Geschenke, die nicht von Herzen kommen, sind nicht einfach nur Karma, weil sie halbherzig sind, sondern weil sie uns verhaften. Erwartet der andere ebenfalls ein Geschenk, verfallen wir in eine Art Vertrag: „Wie du mir, so ich dir“. Wir schaffen neue Verhaftungen, oder bestätigen die, die es schon gibt. Indem wir weiter dem Schema F folgen, handeln wir in einer Verhaftung.

Nach Patanjali wollen wir diese loslassen, um zur Freiheit zu gelangen. Je weniger wir in sozialen Normen gefangen sind, desto mehr können wir ausdrücken, wer wir wirklich sind. Ein Schritt kann es sein, Präsente abzulehnen, die uns in irgendeiner Weise binden. Allerdings brauchen wir die Unterscheidungskraft für den Weg der Mitte. Durch das Ablehnen von Nettigkeiten wollen wir nicht wieder neues Karma schaffen und mit Schuldgefühlen neue Verhaftungen eingehen.

Danke, aber nein danke – Lass dich nicht kaufen

Wir sollten solche Geschenke ablehnen, die ein Ziel verfolgen. Unbestechlichkeit heißt, sich nicht kaufen zu lassen. Wenn Menschen schenken, um gut dazustehen, können wir das Geschenk ablehnen. Wir können ihnen liebevoll begegnen und zusichern, dass wir sie auch ohne diese Geste respektieren. Wollen sie sich selbst eine Kleinigkeit damit erkaufen, brauchen wir es nicht anzunehmen.

Geschenke
Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Auch wenn damit eine soziale Norm verbunden ist, zwingt uns niemand dazu, das Geschenk zu empfangen. Zugegeben, steht der Chef mit einer Präsent-Tüte vor uns, fällt es eventuell etwas schwerer „nein“ zu sagen. Aber hier entsteht auch keine neue Abhängigkeit. Er kann daraufhin nichts von uns verlangen. Schon vor Weihnachten können wir im Bekanntenkreis verbreiten, dass wir keine Geschenke wollen, so ersparen wir uns viele solcher Situationen.

Schenken um anderen eine Freude zu bereiten

Geschenke, dir wir annehmen, um anderen eine Freude zu bereiten, können wir beispielsweise an das Tierheim spenden. Vorausgesetzt, wir tun es aus unserem Herzen heraus, nicht um dort gut dazustehen. Manchmal neigen wir auch dazu, anderen davon zu erzählen, wie wir etwas Tolles gespendet haben.

Wer sich selbst davor schützen will, kann einfach anonym etwas abgeben. Zu Weihnachten kriegen wir dann direkt gratis eine Übung in Selbstbeherrschung mit auf den Weg. Wir dürfen lernen aus ganzem Herzen zu geben und loszulassen, um unser Ego hinten anzustellen.

Die Zeit schmälert den Wert des Materiellen

Zu Weihnachten bekommen wir auch oft Geschenke, die uns enttäuschen. Wir haben bestimmte Erwartungen und diese werden nicht erfüllt. Man wünscht sich schöneren Schmuck, ein besseres Buch ,oder einen leckeren Tee. Das entspricht ebenfalls nicht Patanjalis Idee und hat auch im 21. Jahrhundert nach psychologischen Studien keine Berechtigung mehr. Beide Ideen haben denselben Grundgedanken und das gleiche Ergebnis, nur die Begründung ist anders. Zunächst Patanjalis Version, dann die Yale Universität.

Sukadev erklärt den Vers II.54 aus dem Yoga Sutra von Patanjali mit einer Geschichte: Jeden Tag geht ein reich gekleidet Mann durch den Park an einem Bettler vorbei. Eines Tages sagt dieser: „Danke, dass du mich jeden Tag mit deinen Juwelen erfreust. Sie sehen so wunderschön aus!“.

Der Reiche fragt, ob er welche verloren hätte. Aber nein, der Bettler sehe ihn so schön spazieren und brauche die Kostbarkeiten nicht zu besitzen, um sich daran zu freuen. Der Reiche hingegen, sehe seinen eigenen Besitz schon gar nicht mehr. Er ist in diesem Sinne viel ärmer als der Bettler. Damit erklärt Sukadev, wie die Sinne nach Innen gezogen werden, um nicht an Äußerlichkeiten zu haften. Wir brauche nicht etwas besitzen, um es zu bewundern.

Über kurz oder lang ermüdet uns Besitz

Wissenschaftliche Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Wir denken oft, dass uns Besitz glücklicher macht (Pchelin & Howell , 2014). Allerdings ist das ein Trugschluss. Der Kauf eines neuen Autos macht uns erst sehr glücklich, nach einigen Wochen nur noch, wenn wir drinnen sitzen und nach zwei, drei weiteren Wochen muss uns jemand darauf ansprechen.

Sind wir hingegen auf einer coolen Autorallye, erzählen wir noch jahrelang, wie großartig die Sportwagen um uns herumgeflitzt sind, was wir zu essen hatten und wem wir begegnet sind. Erfahrungen machen uns erwiesenermaßen länger und stärker glücklich (Gilovich & Boven, 2013).

Was also anderen schenken?

Schneeherz verschenken
Von ganzen Herzen schenken

Zu Weihnachten geht es um das Zusammensein. Es geht um Herzensöffnung, Bhakti und darum Liebe ausdrücken. Wenn wir mit dieser Einstellung anderen eine Freude bereiten, dann können wir noch tiefer in die Verbindung gehen. Wenn wir unsere Liebe zu anderen durch etwas Geschenktes ausdrücken wollen, dann ist das vollkommen in Ordnung. Kombinieren wir unsere bisherigen Einsichten, ist es gar nicht so schwer, ein passendes Geschenk zu finden.

1. Schenke um andere glücklich zu machen

Kriterium Nummer eins sollte immer sein, den anderen glücklich zu machen. Wir schenken, weil es sich wie das Richtige anfühlt. Es gibt keine neuen Erwartungen wie Dankeschöns, Gegengeschenke, oder Kuchen. Unser Gegenüber soll mit einem guten Gefühl ein Lächeln auf den Lippen tragen. Wir sehen uns im besten Fall als Instrument Gottes, schenken nach bestem Wissen und Gewissen und lassen dann los.

2. Verschenke gemeinsame Zeit

Nun wollen wir den anderen auch nicht in die Verhaftung zwingen. Das heißt es ist besser, keine Gegenstände zu schenken. Wir wollen ihm keine Autos aufzwingen, um die er sich dann kümmern muss und die ihn an uns binden, ob nun aus Dankbarkeit, oder anderen Gründen.

Es ist prinzipiell leichter, ein Erlebnis zu schenken. Eine gemeinsame Tasse Tee, einen schönen Wanderurlaub oder ein gemeinsames Yoga-Wochenende haben eine doppelte Funktion. Ihr könnt gemeinsam Zeit verbringen und euch noch lange an die schönen Momente zurückerinnern. Ein Gutschein für einen Urlaub ohne feste Buchung lässt zu, dass der andere liebevoll ablehnen kann, wenn es ihm falsch erscheint.